Archiv für Februar 2015

Was bitte sind Böen 8?

Freitag, 20. Februar 2015

storch
Erfahrungen muss man selber machen, und außerdem wusste ich noch nicht, wie mein Hanseat sich bei Welle von achtern benimmt.
Auf der letzten Tour von Helgoland nach Husum hatten wir (Christian Nieder und ich) so viel Ruderdruck, dass ein Tampen um die Pinne und um die Luvwinsch gelegt werden musste, weil das Ruder einfach nicht zu halten war.
Meine Vermutung hatte sich bestätigt, meine fabelhafte Neukonstruktion am Ruder war verbogen. Ich hatte beobachtet, dass das Boot im letzten Moment des Trockenfallens am Steg ca. 20 cm nach achtern rutscht, weil mein Liegeplatz eine schiefe Ebene zu sein scheint. Wenn die Pinne nicht mittschiffs festgelascht ist und das Boot mit eingeschlagenem Ruder leicht nach achtern rutscht, verbiegt das aufgeholte Ruderschwert. So geschehen. Ich ließ das Boot am Kutterwaschplatz bei der Schleuse kontrolliert trocken fallen und sah die Bescherung. Am Ende der Saison habe ich das Ruderschwert ausgebaut und bin noch mal auf Tour gegangen, weil ich endlich wissen wollte, woraus der Ruderdruck resultierte. Schon auf dem Weg zum Liegeplatz zurück war der Druck erheblich viel geringer, nur unter Maschine ein geringer Drall nach Backbord.
Ich segelte am Ende der Saison noch mal nach Hamburg, den Musikerinnen vom Trio Catch hatte ich ein mediterranes Abendbrot versprochen, zu dem ich auch den Redakteur der Husumer Nachrichten Herr Rüdiger Otto von Brocken mit seiner Frau eingeladen hatte.
Die erste Etappe Husum ? Cuxhaven war relativ easy, nur beim Anlegen an den Fingerstegen in Cuxhaven hatte ich mich etwas vergaloppiert; ich hatte einen Ausleger angepeilt, der in Luv lag und mein Festmacher an der Mittelklampe verhinderte nicht, dass das Boot mit dem Bug wegdriftete. Ich war zu langsam. Beim Zurückholen des Stevens mit der Fernbedienung rasierte ich mit lautem Gekrache die Plastiksäule ab, die für den Rettungsring vorgesehen ist. Der Hafenmeister kannte solche Ereignisse schon, und mit einem Fuffi war die Sache aus der Welt. Also Schenke, wenn Fingerstege, dann immer den Leewärtigen nehmen, den Rest erledigen dann die Fender.
Auf der Elbe endlich wieder gemütliches Tidensegeln: wenn sich das Boot nicht mit sechs Knoten durch das Wasser bewegt, dann wird eben der Jockel angestellt ? wir sind ja nicht zu unseren Vergnügen auf dem Wasser. Vor Sonnenuntergang erreichte ich Stade, ich hatte mich mit Sylvia und Heiko verabredet; zwei Segler von der Elbe, die ich bei ihrer ersten Tour durch das Wattenmeer gelotst, ihnen die traumhafte Tour an den Halligen vorbei nach Pellworm gezeigt hatte und sie bis zum Ende der Süderhever begleitet, damit sie sich bei den für Fremde verwirrenden Tonnen nördlich und südlich der Außenquage verheddern. Sie segeln eine kleine, knallrote Hiddensee aus Stahl, haben sehr spät mit der Segelei angefangen und sind dankbar für Tipps und Tricks zwischen Springtide und Wattenhoch. Stade fällt ähnlich trocken wie Husum, und es ist schon beruhigend, mit der alten Wattenmöhre ein größeres Zeitfenster zu haben als mit der Grinde.
Auf dem Weg nach Hamburg habe ich ?Storch? in Wedel geparkt, weil Gesche ein Konzert mit Peter Kraus im CCH gebucht hatte. Also kleines Intermezzo Hamburg ? Husum und zurück. Als ich wieder mit dem Auto nach Wedel fuhr, wurde ich fast Augenzeuge des Horrorcrashs bei Oldenswort, bei dem ein 40-Tonner einen entgegenkommenden Pickup zermalmt hatte. Ich war nur 200 m dahinter. Helfen konnt ich ohnehin nicht, von der Ausweichstrecke konnte ich an den Blaulichtern sehen, dass schon ausreichend Ersthelfer vor Ort waren.
Mit meinen Kindern und Enkelkindern hatte ich mich im City-Sporthafen verabredet, die Kleinen sollten doch einmal das Turngerät ihres Opas kennenlernen. Jakob (6) hat in seinen virtuellen Veranstaltungskalender schon eingebucht, dass es im nächsten Sommer zu den Seehunden auf der Lorenzensplate geht.
hafen_hh
Das Boot war gerade im City-Sporthafen vertäut, da sah ich im Augenwinkel ein etwas fremdes, knallrotes Ungetüm in den Hafen einlaufen. Es kam mir irgendwie bekannt vor: es war weder das Fliehwatüt, auch nicht das feuerrote Spielmobil, obwohl es dem schon sehr nahekam: ?Albatros? ? ein Trimaran mit Farrier – Auslegerelementen – wurde von Jan-Peter Jürgensen sehr gekonnt in den Hafen gesteuert. Assistiert von seinem Sohn klappte das Anlegemanöver vorbildlich ? solche Könner brauchen weder Bug- noch Heckstrahlruder! Bei einem leckeren Bier erklärten mir die beiden die Vorzüge des schnellen Segelns, von dessen Virus ich auch über weite Strecken befallen war. Ich höre noch die unüberhörbare Stimme von Muscher, der mich fragte:
?Und wie bitte schön willst Du einhand mit einem 7 m breiten Geschleuder in Hooge einlaufen??
Und so reiht man sich dann me nothing ? you nothing in Phalanx der wattentauglichen Monohulls ein.
Der Hamburger Hafen hatte noch eine Besonderheit zu bieten: durch die lang andauernde Ostwind Wetterlage war so viel Wasser aus der Elbe rausgedrückt worden, dass der City-Sporthafen trocken fiel: es waren richtige Schlickinseln zu sehen.
storch_hh
Bevor Kinder und Enkelkinder an Bord kamen, habe ich das Versprechen vom Frühjahr eingelöst: den Musikerinnen vom Trio Catch versprach ich, an Bord ein mediterranes Abendbrot zu zelebrieren, wenn ich unter der Elbphilharmonie beim Baumwall festmache. Zu dem Abend konnte der Redakteur der Husumer Nachrichten Herr Rüdiger Otto von Brocken mit seiner Frau dazustoßen; in lockerer Atmosphäre wurden die Musikerinnen nebenbei interviewt.
So wurden die beiden Konzerte im Multimar und im Rittersaal auch medial begleitet mit einem halbseitigen Artikel in den Husumer Nachrichten.
Am 9. Oktober ging es dann endlich wieder elbabwärts, denn den letzten Sliptermin beim HSrV wollte ich nicht verpassen und nicht schon wieder der Nachzügler sein, der gezwungen ist, einen extra Krantermin mit Günter Hirschbeck zu verabreden.
Cuxhaven erreichte ich an einem Tag, kurz unterbrochen vom kippenden Tidenstrom bei Glückstadt. Bei Dunkelheit in Hamburg starten und bei Dunkelheit in Cuxhaven ankommen, das ist eben der Preis, den man zahlen muss wenn man jenseits der Tag- und Nachtgleiche Großschifffahrtswege befährt.
Das Anlegemanöver in Cuxhaven bei Dunkelheit gestaltete ich ohne Fingerstege ? es gibt im Segelhafen die Notfallpier! Als hätten sie geahnt, dass Schenke Deutschland mit ungeschickten Ausschlägen seines Bugkorbes die Versorgungseinrichtungen für Segler demoliert, die in der Lage sind, ohne Havarie in Boxen mit Fingerstegen einzulaufen.

Freitag, 10.10.2014

Hochwasser 02:54 h. Das musste nicht unbedingt sein; aber das ablaufende Wasser in der Elbmündung wollte ich schon mitnehmen. Also 06:00 Uhr auslaufen. Das Hafenbecken war groß genug, das Großsegel zu setzen, das erste Reff hatte ich gleich eingelegt und die Lazy-Jacks gefiert und hinter eine Mastklampe geführt, denn nicht ist unangenehmer als bei Dunkelheit festzustellen, dass sich das Achterliek des Großsegels mit den Leinen des Lazies verheddert und das ganze Gestrapsel entwirrt werden muss. Das ist natürlich der Nachteil des Einhandsegelns: wenn der Fockaffe so etwas praktiziert, dann kann man ihn zusammenstauchen, was er denn wieder für eine Scheiße gebaut hat, aber das zu einer Art Selbstkasteiung mit Vorwürfen gegen sich selbst ausarten zu lassen, das muss wirklich nicht sein und schon gar nicht bei Dunkelheit.
Angesagt waren SW 6-7 in Böen 8, aber was gehen mich die paar Böen an. Hell wurde es, als ich das Lüchterloch zu fassen hatte. Der Bock war reichlich luvgierig, der Windmesser zeigte schon mal 28 kn an; bei 8-9 über Grund war es schon etwas mehr als ein liebliches Gesäusel. In Lee vom Großen Vogelsand reffte ich das Groß noch einmal, im nächsten Jahr wird das dritte Reff eingezogen. Braucht man nicht immer, ist aber beruhigend, wenn es durchgeholt werden kann. Bei der Besegelung Rollgenua bis zum 2. Reffpunkt und Groß 2 Reffs marschierte Rudis Schüssel munter voran, der GPS zeigte eigentlich permanent etwas zwischen 7 und 8,5 kn an. Die Wellenhöhe kann man ja ohnehin immer nur schätzen, darum machte ich mir auch keine Gedanken, der Niedergang war dicht und ich mit Rettungsweste und Lifegurt gesichert. In der Süderhever waren die Tonnen gut zu sehen, es war klare Sicht, und daraus folgerte ich, dass es noch lange nicht so schlimm sei wie damals mit der Grinde, als ich den Retter bitten musste, achteraus Lee zu machen, damit mir die Seen abgehalten wurden.
Irgendwann zwischen SH 4 und SH 6 klatschte eine Welle gegen das Heck, das Boot wurde achtern angehoben, und auf einmal war alles weiß, Gemisch aus Gischt und Schaum, auch an Deck bis zur Cockpitscheibe ? das musste ein Surf gewesen sein. Das Boot blieb auf Kurs, ließ sich danach auch gut steuern. Durch die Luvgierigkeit wollte ich nicht den Kurs durch das Columbusloch nehmen mit dem schmalen Durchstich zwischen zwei Sänden, auch wenn es sich vielleicht angeboten hätte, aber nach Stranden auf der Lorenzensplate war mir nicht der Sinn. Schneller werden konnte ich nicht mehr und der Wachhabende bei Husum Port hatte schon das Schott dicht, weil sein Pegel 7,20 m anzeigte.
Um 15:00 Uhr machte ich fest vor der Schleuse. 8 ½ Stunden für etwas mehr als 60 Meilen und das mit der alten, schweren Möhre.
Es war ein schönes, persönliches Absegeln, ein guter Ausklang einer wunderbaren Saison. Einige Nähte an den Segeln mussten repariert werden; da ich nicht seekrank werde, müssen sich meine Segel daran gewöhnen, etwas mehr auszuhalten als beim Kaffeesegeln.
Bei dem Seegang und dem Winddruck und der daraus resultierender Luvgierigkeit in der Süderhever mit der bedrohlichen Außenquage in unmittelbarer Nähe, auf der sich aufbäumende Brandungswellen überstürzten, geht man unweigerlich ein mögliches Havarieszenario im Geiste durch. Ein gebrochener Schäkel zwischen Großschot und Traveller, ließe sofort ein Szenario entstehen, mit dem auch ein erfahrener Einhandsegler überfordert sein könnte. Von einem gebrochenen Pütting ganz zu schweigen. Die Wettervorhersage war nicht übertrieben: der Wind pendelte zwischen 7 und 8. Auch mit einem stabilen seegängigen Schiff sollte man Situationen meiden, bei denen man nicht den Druck aus dem Kessel nehmen kann, wie Nightingale es immer so treffend formuliert. Bei einer solchen Wettervorhersage wäre es sicherlich kein Fehler oder ein Zeichen von Feigheit gewesen, mit einem gemütlichen Hafentag die weitere Wetterentwicklung abzuwarten.